Yoga, Parkplatzsuche und das Üben der Gewaltlosigkeit Ahimsa

Eine Metta-Meditation von Thich Nhat Hanh beginnt mit den Worten:

Möge ich friedvoll, glücklich und gelöst sein in Körper und Geist.

Wahrscheinlich kann jeder diesen Wunsch für sich unterschreiben. Aber was bedeutet das eigentlich? Früher dachte ich, glücklich zu sein heißt, dass alles so läuft, wie ich mir das wünsche, dass die Welt nett ist zu mir. Die Frage „Willst Du Recht haben oder glücklich sein?“ habe ich schlicht nicht verstanden. Wie könnte man glücklich sein, wenn man nicht Recht bekommt, obwohl man überzeugt ist, im Recht zu sein?

Die tägliche Parkplatzsuche lässt sich aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Foto: Hans Braxmeier/Pixabay

Allmählich verstehe ich, was gemeint ist, vielleicht auch, weil ich mittlerweile oft genug erlebt habe, dass das Durchsetzen des eigenen Willens, der eigenen Meinung, der eigenen Überzeugungen zwar zu einem Sieg führen, aber nicht unbedingt zu einem Gefühl von Glück. Oft genug ist sogar das Gegenteil der Fall.

Und deswegen heißt es in diesem Vers von Thich Nhat Hanh nicht nur friedvoll und glücklich, sondern eben auch gelöst. Wir verwenden das Wort gelöst immer in Verbindung mit „Stimmung“: doch man macht sich normalerweise keine Gedanken darüber, wovon man denn gelöst ist in dieser Stimmung. Und genau da sind wir im Yoga.

Das Yoga Sutra sagt, dass alles Leid, das wir so empfinden, letztlich auf eine Ursache zurückgeht: Die heißt „Samyoga“, Anhaftung. Normalerweise denkt man ja: Ich schneide mir in den Finger, also habe ich ein Leid. Ich werde krank, also habe ich ein Leid. Die Kinder zicken herum, also habe ich Leid.

Wir binden unser persönliches Glück daran, dass die Welt so funktioniert, wie wir es uns wünschen. Aber: den Gefallen tut die Welt uns nicht immer.

Will ich glücklich sein, dann muss ich es schaffen, mein persönliches Glück abzulösen von äußeren Umständen. Das klingt radikal, lässt sich aber im Alltag üben, zum Beispiel bei der nächsten Parkplatzsuche. Da kann man sich aufregen, wenn ein anderer direkt vor einem in die Lücke reinflutscht, die man für sich selber haben wollte. Oder man kann versuchen, es anders zu sehen: Es tut doch eigentlich nur gut, ein paar Meter weiter weg zu parken und etwas mehr zu laufen. Und wenn man unter Zeitdruck ist, die Situation, in der eigene Aggression sich besonders leicht ihren Weg bahnt, dann hilft vielleicht der Gedanke: Was passiert denn Schlimmes, wenn ich jetzt zwei, drei Minuten mehr brauche? Und nicht zuletzt: Will ich mir wirklich die Stimmung versauen lassen wegen einer Parklücke?

So etwas umzusetzen, die eigene Sichtweise nicht nur oberflächlich sondern auch gefühlt umzupolen, gelingt mal besser und mal schlechter. Deswegen sagt die Yogalehre, dass wir in guten Zeiten, in unserem Alltag,  die innere Haltung üben müssen, damit wir auch in harten Zeiten friedvoll, glücklich und gelöst sein können.

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