Bhrantidarsana, Corona und der Esel

Ab kommendem Montag sitzen wir wieder in einem Lockdown und keiner freut sich darüber. Die Meinungen darüber, was an politischen Maßnahmen sinnvoll und richtig ist oder nicht, gehen weit auseinander.

Jeder hat Belege für seine Meinung – und es gibt genauso viele Gegenbelege. Wir sind also mitten in einer Situation, wo man mit etwas Glück in ein paar Jahren – vielleicht aber auch nie – sagen kann, wer Recht hatte und wer nicht. Heute ist das kaum zu beurteilen. Heute aber müssen wir mit dem Lockdown und den ganzen Coronafolgen leben, jeder in seiner persönlichen Betroffenheit.

Für den einen fällt das noch in die Rubrik, nicht schön, aber auszuhalten. Für den anderen geht es an die wirtschaftliche Existenz. Und vielen drückt es massiv auf die Stimmung.

Und deswegen möchte ich Euch ein weiteres Hindernis aus dem Yoga Sutra vorstellen, ein weiteres antaraya namens „bhrantidarsana“.

Darsana ist das Sehen, das Erkennen, die Anschauung. Bhranti heißt Verwirrung. Bhrantidarsana ist also eine Fehleinschätzung: Ich halte meine Wahrnehmung, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Einschätzung für eine absolute Wahrheit – und täusche mich dabei.

Bhrantidarsana, Corona und der Esel.

So etwas hat es schon immer gegeben: Die Erde ist eine Scheibe. Die Sonne kreist um die Erde. Und wenn ich im Yoga nur lange genug den Kopfstand übe, lebe ich ewig.

Während man mitten in diesen Vorstellungen steckt, ist es schwierig, sie nicht ernst zu nehmen. Aber: Glaube nicht alles, was Du denkst, sagt der Esel auf dem Bild.

Der Ausblick auf die kommenden vier Wochen, die Unsicherheit, wie es danach weitergeht, hat das Potenzial, massiv zu belasten. Aber das müssen wir uns ja nicht von unserem Geist gefallen lassen.

Es wäre eine Fehleinschätzung, ein Bhrantidarsana, zu glauben, dass November plus Lock-Down unweigerlich in die Depression führen, dass wir dem nichts entgegenzusetzen haben.

Nein. Wir können ja auch entscheiden, dass wir trotzdem in kleinen, bewussten, achtsamen Schritten durch unsere Tage gehen. Dass wir die Hände spüren, während wir arbeiten. Dass wir die Füße spüren und den Boden, während wir gehen und stehen und üben. Dass wir uns an dem freuen, was uns möglich ist, statt uns über das zu ärgern und sorgen, was uns nicht möglich ist.

Statt zu schimpfen und uns in eine immer schlechtere Stimmung zu reden, können wir entscheiden, dass wir uns Zeit nehmen für die Schönheiten im Alltag, für die bunten Blätter, für die Momente mit einem selbst, für Gemütlichkeit und Heimeligkeit, für einen ruhigen, präsenten Geist.

Das ändert nichts an der Situation. Aber es ändert, wie es einem dabei geht.

Emotionen, Vorstellungen und Gedanken werden erst dann mächtig,
wenn Du ihnen anhaftest.
Wenn Du achtsam gegenüber dem gegenwärtigen Moment bist, ist das der Punkt, an dem all jene anderen Dinge verschwinden.
Deine Freiheit und Dein Glück werden sich an Deinen Fähigkeiten bemessen, zu vergeben und liebende Güte durch jede Tat und jeden Gedanken zum Ausdruck zu bringen.
Dir selbst zu vergeben, ist vielleicht der erste Schritt.
Sei gut zu Dir selbst.
Calvin Malone

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